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Vom Ent-Scheiden und Ent-Täuschen

Gestern wurde ich gefragt, ob ich geschieden sei. Ich sagte entschieden, ich hätte entschieden. Eine Scheidung ist nämlich eine Entscheidung. Eine Entscheidung zu treffen, bedeutet, Position zu beziehen und damit zu etwas „Ja“ und zu etwas anderem „Nein“ zu sagen. So wie man „Ja, ich will.“ oder „Nein, danke, ich hatte schon.“ sagt. Die Scheidung von etwas oder vom anderen ist respektive ein „Ja“ zu neuen Möglichkeiten. Zum Beispiel, zu dir selbst. Gute Aussichten, nicht? In meinen Coachings stehen viele Menschen kurz vor verschiedenen Arten von Entscheidungen. Meistens sind es Große. Ich möchte dich an diesem Osterfest inspirieren zu beobachten, zu reflektieren und die vielen positiven Aspekte und Möglichkeiten einer bevorstehenden Entscheidung zu sehen. Denn Scheidung tut weh.



Als ich 2014 in der Sixtinischen Kapelle für mich entschieden hatte, zu heiraten, entschied ich mich mit unbändiger Kraft für alles, was ich gelernt und bis dato ebenso missverstanden und -interpretiert hatte. Was hatte ich gelernt? Bedingungslose Liebe, ein Urvertrauen in alles und jeden. Einen unbändigen Willen zu haben und mit furchtloser Kraft, die Welt, Menschen und Kulturen erkunden zu wollen – in allen Ecken und Bereichen. Was meine Eltern mich lehrten, war eine fast unbedingte Pflicht, als Frau unabhängig und frei und gleichzeitig verbindlich zu sein – in all meinen Entscheidungen. Was oft in Erziehung und auch bei mir passierte, war in einigen dieser Bereiche im Ausleben das völlige Gegenteil. Nun. Ich hatte mich entschieden, zu heiraten – fast trotzig. Provokativ.


Was uns als Verheiratete passierte, ist ein ziemlich normaler Veränderungsprozess mit Rollen, die verteilt und umsortiert werden. Mein Bild von dem Mann an meiner Seite war bis dato allerdings ein stets fröhlich trinkender Extremsportler, der viel reiste, tanzte, lachte und die Brieftasche stets bei sich – gefüllt – in der Brusttasche trug. Spontan, unabhängig und frei. Klar. Und wenn es das Männerbild war, wie sollte dann das Bild von mir sein – als an seiner Seite Frau? Wie kann das Bild einer solchen Frau sein? Wozu hatte ich mich in Wahrheit entschieden? Und wozu ihn, meinen Ehemann, gezwungen? Gezwungen, eine Rolle zu meinem Männerbild zu übernehmen, die er nicht einnehmen konnte und logischerweise auch nicht wollte. Ebenso wenig, wie ich diejenige sein konnte, die er in seiner Denke von der Ehefrau und Mutter hatte und die jetzt in deinem Kopf ist. Dass so etwas in einer großen Enttäuschung endet, ist genau dem geschuldet, so wie vielen anderen, auch epigenetischen, Faktoren.


In vielen Familien läuft nämlich in den ersten Jahren der Entscheidung zur Gründung des Systems ein ganz ähnlicher Film ab. Es werden oben exemplarisch dargestellte Rollen gesucht, vielleicht sogar gefunden. Und es gibt viele damit einhergehende Reibereien, Rollenkonflikte und Enttäuschungen. Es werden solche Rollen eingenommen, die den Eltern oder Großeltern wahrscheinlich besser gestanden hätten. Und so richtig geht der Film ab, wenn die Kinder auf die Welt kommen. Auf einmal stehst du vor dem Esstisch und sagst etwas, das deine Mutter immer sagte und tust Dinge, die ihr vermeintlich wichtig und dementsprechend scheinbar richtig waren. Auf einmal rennt er los und verhält sich, wie es seine Väter taten. Und nun kommt der Konflikt ins Rollen, weil das gesuchte Rollenbild im Hier und Jetzt nicht passt. So gar nicht passt.


Aber wie ist das möglich – was hat uns getäuscht? Die täuschende Wahrheit deiner Prägung und der Epigenetik über dem Hier und Jetzt und dem, was ist und sei? Und wieso schlägt das Universum bei solch einer großen Entscheidung, wie Familie zu gründen, mit solcher Wucht zu? Mit Schuld, quälendem Verantwortungsdruck, Scham und gewaltigen Konflikten behaftet. Wieso kann der rosarote Film nicht einfach weiterlaufen, ohne all die Umsortierung der Positionen, Rollen und Bilder. Wieso nicht einfach so tun, als ob? So wie man vor der Entscheidung noch daran geglaubt hat, wie es sei?


Als unser Kriegsschauplatz zu groß wurde, habe ich eine Entscheidung getroffen. Auch diese eine ging einher mit großer Wucht, - mit Ängsten, Schuld- und Schamgefühlen. Die Dankbarkeit und Freude über die entstandene Möglichkeit, zu der wir zusammen auch „Ja!“, als wir „Nein.“ zur Ehe sagten, überwiegt heute. Denn seit wir entschieden, geschieden zu sein, haben wir ein System auf Augenhöhe. Wir sind heute liebende und unabhängige Eltern und können freie Entscheidungen innerhalb unseres gemeinsamen Systems treffen, so wie ich es von meinen Eltern gelernt habe. In Respekt und Wertschätzung. Mit Neugierde die beiden anderen betrachtend, die die Freiheit und Liebe so besser leben können. Wie? Wir haben uns entschieden.


Wofür entscheidest du dich?


Deine Barbara Mai


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