Crawling & Craving
Aktualisiert: 5. Okt.
ADHS.
Nach monatelangen Tests, Gesprächen, Therapiesitzungen und Gutachten den Stempel. Mitte vierzig und die Diagnose stellt vieles im Leben in ein neues Licht. Sie wirft Fragen auf, die weit über einen hinausreichen: Was ist in mir angelegt? Was habe ich im Laufe meines Lebens gelernt? Wie wurde ich sozialisiert? Wie wurde ich in Form gebracht? Und was tragen wir vielleicht aus den Geschichten unserer Eltern und Großeltern weiter?
Meine Eltern sind Kriegskinder. Gefangenschaft, Flucht und Todesangst gehörten zu ihrer Kindheit. Und ich frage mich, welche Spuren solche Erfahrungen in einer Familie hinterlassen – in der Art, wie wir Nähe erleben, mit Gefühlen umgehen und auf Unsicherheit reagieren. Die Epigenetik beschäftigt sich mit der Frage, wie Umweltbedingungen und Erfahrungen beeinflussen können, welche Gene in unseren Zellen abgelesen werden. Es gibt Hinweise darauf, dass schwere Belastungen biologische Spuren hinterlassen können. ADHS lässt sich daraus überhaupt nicht erklären: Sie ist eine neurobiologische Entwicklungsbesonderheit, im Klartext: eine neuroentwicklungsbedingte Störung mit einer starken genetischen Komponente – und zugleich eine Form von Neurodivergenz. Trotzdem beschäftigt mich die Verbindung. Weil ich verstehen möchte, wie meine eigene Geschichte, meine familiäre Prägung und mein Nervensystem zusammenwirken. Warum war da schon so lange diese innere Unruhe? Warum keine Impulskontrolle? Warum konnte ich mich nach außen so lebendig und zugewandt zeigen und mich im nächsten Moment aus einer Situation heraus nur noch wegwünschen und fliehen? Warum fühlten sich manche Dinge nach Aufbruch und Freiheit an – und andere plötzlich nach Enge, Überforderung, Angst und Flucht?

In den vergangenen Jahren wurden diese Fragen immer stärker. Und aus dem Nichts kam Angst, ich fühlte mich auf Veranstaltungen, die ich früher geliebt hatte, plötzlich unwohl und entwickelte einen starken Fluchtmodus. Mein Körper reagierte auf Stress mit Atemnot und Schwindelattacken, meine Gedanken sprangen, Vorhaben blieben sowieso schon immer unvollendet, ich vergaß Dinge viel zu oft und selbst Dinge, die mir Freude bereitet hatten, wurden zu einer kaum zu bewältigenden Anstrengung, ja Überforderung. Und dann drehte sich alles und ich er- und übergab mich. Wochenlanger Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, MRT, CT und zahlreiche Untersuchungen führten mich zu Ärzten, Neurologen, Therapeuten und Psychiatern. Die Diagnose lautete zunächst etwas zu viel Stress, dann Angststörung und dann die Depression. Die innere Unruhe blieb – eine Unruhe, ein Getriebensein, das ich lange schon kenne, das aber stärker wurde. Mit einem Mittel wurde ich jedoch noch enthemmter, ja noch angstfreier. Mit einem ordentlichen Knall ließ ich dann endlich die richtige Diagnostik zu. Ich ergab mich. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, denn die ADHS Diagnose schien mir beinahe ein Trend, eine Mode zu sein; als wenn es nicht zu Schulzeiten schon ein Trend zu sein schien, dass ein Kind nicht still sitzen konnte und zu wild sei. Ich wollte kein Etikett, keine Schublade, keine Erklärung, keine Diagnose bitte. Und man ist doch nicht krank. Dennoch: es ist ein Krankheitsbild. Eine neuroentwicklungsbedingte Störung mit einer starken genetischen Komponente – und zugleich eine Form von Neurodivergenz. Vielleicht hilft mir genau diese Definition dabei, mich selbst nicht länger nur über das zu betrachten, was mir schwerfällt.
Mit der Diagnose ist schlussendlich ein weiterer damit zusammenhängender Begriff in mein Leben getreten, der mir hilft, manches neu zu betrachten: das Craving. Ein sehr starkes unbändiges Verlangen. Ein innerer Sog, der sich manchmal kaum wegdiskutieren lässt, der zieht, treibt und einfach nicht in Ruhe lässt. Craving wird häufig im Zusammenhang mit Sucht beschrieben, aber für mich ist der Begriff inzwischen viel größer geworden. Denn dieses intensive Verlangen kann sich auch auf Erfahrungen richten: auf Aufmerksamkeit, Bewegung, nicht-still-sein-können, neue Menschen, neue Projekte, Abenteuer, Erfolg, Nähe, Essen, Gefühle, Alkohol oder einfach auf diesen einen Moment, in dem sich im Inneren endlich etwas verändert. Und genau hier kommt Dopamin ins Spiel. Dopamin ist kein simples „Glückshormon“, wie es manchmal dargestellt wird. Es ist unter anderem an Motivation, Lernen, Aufmerksamkeit und Belohnungsverarbeitung beteiligt. Es hilft unserem Gehirn dabei, Wichtigkeit zu markieren: Das hier ist interessant. Das hier könnte sich lohnen. Da – geh hin. Mach weiter. Noch einmal. Bei ADHS ist dieses System nicht einfach „leer“ oder mit zu wenig Dopamin ausgestattet. Vielmehr gibt es Unterschiede darin, wie Belohnung, Motivation und Aufmerksamkeit reguliert werden. Besonders unmittelbare, neue, spannende oder interessante Reize können dadurch eine starke Anziehung entwickeln. Dinge, deren Belohnung weit in der Zukunft liegt, können dagegen unglaublich schwer in Gang zu bringen sein.
Ich kenne diese Dynamik sehr gut und genau. Die vollen (5!) Kalender, der nächste Impuls. Das nächste Projekt. Die nächste Begegnung. Die nächste Idee. Etwas, das mich aus einer inneren Spannung herausführt und mich gleichzeitig lebendig fühlen lässt. Mehr. Jetzt. Irgendetwas. Es geht nicht nur darum, was wir wollen. Es geht um den Zustand, in den wir kommen möchten.
Und was passiert eigentlich bei nicht vorhandener Impulskontrolle in dem winzigen Augenblick zwischen Reiz und Reaktion? Ein Konflikt, ein Gefühl von Überforderung, eine unerwartete Nachricht – manchmal reicht schon eine kleine Veränderung im Alltag, und der Alarm geht los. Und wenn sich dann eine Möglichkeit anbietet, diesen Alarm auszuschalten, kann der Wunsch danach enorm stark werden. Die Forschung beschreibt einen Zusammenhang zwischen ADHS und einem erhöhten Risiko für problematischen Substanzkonsum. Das heißt nicht, dass ADHS zwangsläufig zu einer Suchterkrankung führt. Aber es ist spannend, wie eng Belohnung, Regulation und das Bedürfnis nach einer schnellen Veränderung des eigenen Zustands miteinander verbunden sein können. Und da kommt Dopamin ins Spiel. Denn das kann sich in einem angespannten Moment wie eine deutliche Abkürzung anfühlen. Die Gedanken werden deutlich leiser, die Hemmungen sinken, die Anspannung lässt nach. Gerade wenn man sich vorher getrieben, reizüberlastet und überfordert oder innerlich aufgewühlt fühlt, kann diese Veränderung wie eine Erlösung wirken.
Mit einer ADHS Behandlung kann sich der Blick auf einen selbst verändern. Man kann damit lernen, dass sich Gedanken und Impulse besser wahrnehmen und sortieren lassen. Die Worte ergeben einen Sinn, wenn man den Raum zwischen Reiz und Reaktion halten lernt.
Die vergangenen Jahre haben mich dazu gebracht, Fragen zu stellen, die ich lange lieber umgangen wäre. Was gehört zu meiner Geschichte? Wer gehört zu mir - und wenn ja, wieviele? Was habe ich übernommen? Was habe ich gelernt?
Und was davon möchte ich heute anders machen?
Vielleicht ist die Verbindung zwischen meiner Familiengeschichte und der Neurodivergenz, meinem eigenen Nervensystem, eine Frage, die mich noch lange begleiten wird. Die Epigenetik kann interessante Fragen stellen, aber sie liefert mir keine einfache Erklärung für das ADHS, sei es vererbt oder weitergegeben. Und vielleicht muss ich auch nicht für alles eine eindeutige Erklärung finden.
Vielleicht reicht es neugierig zu sein und zu vertrauen. Das Craving ist wesentlich ruhiger, ich lasse meine Haustür nicht mehr ständig auf, räume die Waschmaschine aus, bis alles im Schrank ist und weiss, wo meine Brille liegt oder wieviel 5+7 ist. Also krabbele ich neugierig auf dem Boden der Tatsachen und lerne das, was sehr wahrscheinlich schon immer da war.
Crawlin’ and Cravin’.





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