Ein entzückender Rücken
- Barbara Mai - Mainretreat

- 31. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Feb.
Es gibt Räume, die tragen eine starke Bedeutung in sich, noch bevor ein Wort gesprochen ist. Räume, in denen Verantwortung, Einfluss und Zukunft verhandelt werden sollen und die man mit einer stillen Erwartung betritt, dass hier Austausch möglich ist, dass Denken in Bewegung gerät, dass etwas zwischen Menschen entsteht. Ich bin oft in solchen Räumen. Auch, weil ich Teil eines speziellen Netzwerks, einer kleineren Branche und eines Frauennetzwerks bin. Als Ausdruck meiner Haltung und als Arbeit an Sichtbarkeit, Anschluss und Dialogen dort, wo Entscheidungen vorbereitet werden. Wer mich kennt, weiß, dass mir genau das leichtfällt: Ich gehe in Räume hinein und spreche mit offenem Herzen auf meiner Zunge.
Vielleicht fällt mir deshalb so deutlich auf, was sich in letzter Zeit verändert hat. Nicht die Menschen selbst, aber ihre Bewegung zueinander. Was mir begegnet, sind Gespräche, die sich in sich geschlossen gehalten werden, als müssten sie bewacht werden, als dürfe nichts von außen hineinragen. Kaum diese feinen sozialen Übergänge, in denen man dazukommt, ohne einzubrechen – kein kurzes Zögern, kein freundlicher Blick, kein unaufdringliches Öffnen des Kreises. Wer sich einbringen will, musst es aktiv wollen, spürbar, gegen einen leichten, aber sehr konstanten Widerstand. Ich merke, wie viel Aufmerksamkeit das fordert – nicht fachlich, sondern relational. Präsenz ohne Resonanz, Wachheit ohne Antwort, permanentes Justieren statt Flow. Und das in einem Raum, der doch vom Austausch lebt. Die Müdigkeit, die sich nach einigen Stunden in solchen Räumen immer wieder einstellt, ist keine Erschöpfung durch Inhalte, sondern leises Leerwerden sozialer Energie, das entsteht, wenn sie nicht fließen darf.

„Nie den Rücken zu einer Dame“ – so bin ich erzogen worden. Nicht als Geschlechterregel, sondern als Ausdruck von Aufmerksamkeit, von Raumgefühl, von der Idee, dass man andere mitdenkt, bevor man sich selbst absichert. Heute gilt das längst nicht mehr, und zugleich müsste es weiter gelten als je zuvor: nicht bezogen auf Damen, sondern auf alle Menschen.
Nie den Rücken zu Anderen, nie den Kreis so schließen, dass Zugehörigkeit zur fiesen Mutprobe wird. Und genau das scheint sie mir zunehmend zu werden.
An einem dieser vielen Abende in den vergangenen Wochen setzte ich mich an die Veranstaltungsbar, wartete noch auf jemanden, und dachte, dies sei ein Ort mit weniger Anspruch. Ich fragte meinen Nachbarn beiläufig, wie es ihm bisher auf dem Kongress gefallen hätte. „Alles in Ordnung“, sagte er – ein Satz, der nichts öffnete und nichts einlud. Also fragte ich weiter, ob er schon einmal auf diesem gewesen sei. „Ja. Und Sie?“ Ich bejahte und erzählte unbekümmert von meinem Thema und eher beiläufig von dem Frauennetzwerk, für das ich mich engagiere – nicht werbend, sondern verortend. Er nahm einen Schluck aus seinem vollen Glas, sah nach vorne und stellte es langsam, fast demonstrativ, wieder ab. Dann sagte er, ruhig und ohne jede Eile, Frauen würden heute - ja, wahllos - in Führungspositionen gebracht, um Chancengleichheit herzustellen, und machten dort mehr kaputt als ich wisse; das sei nicht hilfreich.
Da war dann doch Anspruch an dieser Bar. Es war kein Angriff, kein Ausbruch, sondern eine Setzung – abgeschlossen, fertig gedacht. Ich sagte, dass mir das sehr pauschal erscheine, und fragte, was er genau meine. Er trank noch einen Schluck, stellte das - dann fast-volle - Glas ab und ging, nicht ohne mir höflich einen schönen Abend zu wünschen aber ohne Antwort.
Was mich daran beschäftigt, ist nicht diese Begegnung an sich, sondern das Muster, das sich darin zeigt. Psychologisch betrachtet relativ einfach gestrickt: Steigt die Komplexität, wächst das Bedürfnis nach Vereinfachung. Und Ambiguität erzeugt Stress, welcher nach Regulation schreit. Wodurch? Häufig durch Abgrenzung, durch das Schließen von Kreisen, im Denken wie im Raum. Und philosophisch gesprochen, verliert der Andere in solchen Momenten seinen Status als Gegenüber und wird zur Projektionsfläche, zur Störung, die nicht verstanden, sondern bewertet werden muss. Dialog wird ersetzt durch Position, Beziehung durch Behauptung. Ob mir die Erklärung hilft? Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Thema solcher Räume: nicht im offenen Konflikt, sondern in der unbändigen Angst vor ihm; im Wunsch, sie möglichst schnell zu kontrollieren.
Da, wo Kreise sich nicht mehr öffnen und Gespräche abrupt enden, bevor sie riskant werden dürfen, entsteht etwas – eine Kälte, die sehr wirksam sein kann.
Und ich frage mich, was das mit unserem entzückenden Rücken macht.




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