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Tarzan rettet Jane

Apathie – ein Wort für das kleine, kaum wahrnehmbare Verschwinden aus sich selbst. Eine innere Müdigkeit, die nicht laut wird, sondern still. Kein Drama, keine Tränen, nur dieses leise Nicht-mehr-Fühlen, das uns wegdriften lässt von dem, was uns eigentlich wichtig sein müsste. Vielleicht beginnt alles genau dort: mit dem Schwindel und der Frage, wann wir aufgehört haben, uns selbst wirklich zu spüren – und warum.


Das primitive alte System aus Belohnung und Bestrafung, in dem so viele von uns groß geworden sind. Wir Kinder der Nachkriegsgenerationen haben gelernt, dass Zuneigung kein freies Gut ist. Dass man sie sich erarbeiten muss. Dass Beachtung ein Preis ist. Und dass sich Wärme zurückzieht, sobald man aus dem Rahmen fällt. Belohnung – Strafe. Nähe – Entzug. Anerkennung – Abwertung. Zwei Seiten derselben Medaille, die uns prägen. Ich frage mich, ob wir deshalb so empfindlich reagieren. Ob wir deshalb im Alltag so nervös werden bei dem, was fehlt – viel mehr als bei dem, was da ist. Ob wir in einer ausbleibenden Rückmeldung nicht die Realität sehen, sondern die Vergangenheit spüren: den alten Entzug, die alte Leere. Vielleicht haben wir nie gelernt, Aufmerksamkeit als das zu begreifen, was sie im Kern ist: der Spiegel. Psychologisch nennt man das Erwartungsaffekte – das Leben im Vorwegnehmen. Die Angst erwartet Schmerz. Die Liebe erwartet Nähe. Beides in der Zukunft. Vorrauseilender Gehorsam. Keines im Jetzt.


Und so verlieren wir uns in der Zukunft und dem Dazwischen. Zwischen dem, was wir fürchten, und dem, was wir ersehnen. Zwischen Prägungen und Bedürfnissen. Zwischen der Angst und der Sehnsucht, die uns antreibt, bis wir die Luft verlieren, uns schwindelig ist und wir spucken und fallen. Während wir nach diesem Gleichgewicht suchen, verlieren wir den Kontakt zu uns. Wir sprinten los, rennen in Richtung Selbstoptimierung und Zukunfts-Ich – bis uns die Luft ausgeht, wir den Boden unter den Füßen verlieren. Wir sinken in uns zusammen. Verlieren Interesse. Den Blick. Es dreht sich. Wir werden stumpf. Und da ist sie: Die Apathie.


„The greatest danger to our future is apathy.“ (Jane Godall, 2025)


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Apathie ist ein Herausgleiten aus dem eigenen Leben. Eine Ohnmacht und ein Verstummen. Und genauso gefährlich ist das Pendel in die andere Richtung: der unaufhörliche Sprint nach Anerkennung, der verzweifelte Versuch, sich Liebe oder Bedeutung zu erarbeiten, statt sie zu empfangen. Apathie und Übererfüllung – zwei Pole desselben ungelösten Systems.


Ist nicht das die Aufgabe unserer Zeit: Nicht mehr den Belohnungen aus der Kindheit hinterher zu jagen und nicht mehr nur dem Schmerz auszuweichen? Nicht mehr reflexhaft zu handeln, sondern uns zurückzuholen. Ins Hier. Ins Jetzt. Dorthin, wo wir fühlen können, bevor wir warten – und sein können, bevor wir leisten. Dort, wo wir die Verantwortung des Zwischenraums zwischen Reiz und Reaktion tragen und ertragen müssen. Die Systeme, in denen wir groß geworden sind, sollten uns schützen – und haben uns geprägt. Heute und Hier haben wir die Freiheit, zu fühlen, statt zu fragen. Aber wir müssen sie auch halten und aushalten. Und wir brauchen die Freiheit des Zwischenraums, zu unterscheiden: Was ist wirklich Liebe? Was ist nur die Hoffnung auf Belohnung? Was ist die Angst – und was ist Mut?


Vielleicht beginnt alles damit, dass wir den Mut finden, nicht noch schneller zu laufen und gleichzeitig nicht stillzustehen. Die Balance zu finden: die feine Bewegung zwischen Nähe und Grenze, zwischen Sehnsucht und Selbstkontakt.


Komm, retten wir die Welt!


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