New Work im Tattoo Studio
- Barbara Mai - Mainretreat

- 26. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Bei meinem Tattoo war ich mir sicher, dass es für immer ist. Symbol, Haltung und Identifikation zugleich. Doch mit den vielen wilden Jahren ist es verwackelt und verblasst. Ich begann zu wackeln und habe lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass dieses Bild heute nicht mehr zu mir passt und ein ordentliches cover-up braucht.
Identifikation trägt uns nur, solange sie deutlich und klar – ja wahr - ist. Sie ist die Grundlage und ursprünglichste Form der Bindung, nach Freud. Das stille Gleichsetzen mit etwas, das uns Halt und Zugehörigkeit schenkt. Solange ich weiß, wofür ich stehe, trage ich meine Entscheidungen nach außen und sie fühlen sich stimmig an. Doch wenn ich mich im Spiegel nicht mehr erkenne, mich nicht sehe, wenn das Bild wackelt und verblasst, dann gerät auch mein Handeln ins Selbige.

Purpose ist der Folgeschluss aus Identifikation. Er ist das innere Tattoo, das uns durch den Alltag trägt – und wie die Farbe unter der Haut, hält er nur, solange wir uns darin wiederfinden und identifizieren. Und unsere Identität? Identität geht einen tiefer. Sie ist das Gefühl, über die Zeit hinweg der- oder dieselbe zu sein.
Ohne Identität fehlt uns das Fundament, ohne Identifikation fehlt uns die Verbindung.
Was für mich persönlich gilt, gilt auch für Elternschaft, für Führung, für Beziehungen aller Art. Ein Mensch, der sich mit seiner Rolle nicht identifizieren kann, spiegelt das sofort ins Außen. Fehlt die Identifikation, entsteht ein Vakuum mit Unsicherheit, mit Distanz, mit Frust und manchmal mit Zynismus. Und in der Arbeitswelt kommt hier New Work ins Spiel. Denn kaum ein Konzept hat so sehr auf Selbstbestimmung gesetzt, wie dieses. Mehr Möglichkeiten für Purpose – Identifikation und Vertrauen, mehr Freiheit, weniger Kontrolle – die großen Versprechen einer längst nicht mehr neuen Arbeitswelt.
Freiheit braucht Identifikation als Gegenstück. Wer keinen inneren Kompass hat, wer nicht weiß, wofür er steht, für den kann Freiheit zur Falle werden. Dann wird aus Selbstbestimmung Beliebigkeit. „Mach, was du willst!“, klingt schön, doch ohne Identifikation kann daraus schnell „Mir doch egal!“ werden. Und Organisationen, die eigentlich lebendiger werden sollten, rutschen in stille Leere, Bilder verblassen und Menschen (ver-)wackeln.
Und so kehrt die Frage zu mir zurück. Mein Tattoo ist nicht verschwunden. Es erinnert mich daran, dass Identifikation nie endgültig ist, sie fließt weiter. Dass sie uns für eine Zeit prägt, uns trägt, uns Orientierung schenkt – und dass sie uns auch loslassen darf. Selbstführung bedeutet, genau diese Momente zu erkennen. (Selbst-)Führung bedeutet, sie nicht nur für sich, sondern auch für andere sichtbar zu machen. Und New Work in unserer Arbeitswelt bedeutet, Räume zu schaffen, in denen diese Neu-Identifikation möglich ist.
Und?
Brauchst du ein Cover-up?




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