Der Elefant im Hühnerstall
- Barbara Mai - Mainretreat

- 28. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Sept. 2025
„Das ist jetzt aber dein Thema.“ Klingt wie eine kluge Grenzziehung. Wie das Sich- Zurückziehen aus einem Konflikt, der doch bitteschön beim Gegenüber bleiben soll. In Wahrheit ist es oft nicht mehr als eine Abwehrhaltung. Die Psychologie nennt das Displacement: ein Verschieben von Gefühlen, von Konflikten, von Verantwortung. Wir lagern aus, was uns zu nah kommt, und verkennen dabei, dass nichts wirklich verschwindet. Was wir nicht ansehen, bleibt im Raum, blockiert, bindet Energie. Der unsichtbare Elefant im Raum.

Freud beschrieb Displacement als eine Form der Abwehr, die uns schützt – ein Mechanismus, der Spannungen umlenkt, damit wir nicht zerbrechen. Schutz ist wichtig. Aber Schutz, der chronisch wird, lähmt. Er verhindert Auseinandersetzung, er verhindert Entwicklung. In der Organisationspsychologie zeigt sich das ähnlich: Wenn Verantwortung diffus wird, wenn jede*r sagt: „Das ist aber jetzt deins“, dann entsteht Stillstand. Das ist nicht nur in Teams zu beobachten, sondern in ganzen Systemen.
Ich denke an die Energiewende. Sie kennt diesen Mechanismus nur zu gut. Wir verschieben, wir vertrösten, wir deklarieren Zuständigkeiten. Politik wartet auf Industrie, Industrie auf Investoren, Investoren auf verlässliche Rahmenbedingungen. Alle zeigen aufeinander, niemand beginnt. Währenddessen steigt die Temperatur. Der Elefant im Raum?
Seit Jahren wird speziell in der Wasserstoffwirtschaft vom Henne-Ei-Problem gesprochen: keine Infrastruktur ohne Nachfrage, keine Nachfrage ohne Infrastruktur. Alle wissen, dass man beides zugleich braucht, aber stattdessen werden Berichte geschrieben, Szenarien gerechnet, Verantwortungen hin- und hergeschoben. Jeder verweist auf den anderen – die Politik auf die Industrie, die Industrie auf die Politik, Investoren auf Sicherheit, die Gesellschaft auf Preise. Und so dreht sich das Karussell. Kein klarer Anfang, kein klarer Schritt. Die Energie, die doch Bewegung erzeugen soll, bleibt gebunden in der Schleife der Zuständigkeiten.
Die Frage ist also nicht, ob der Elefant im Raum ist oder ob wir noch immer das Henne-Ei-Problem diskutieren.
Das ist Displacement im Großen: Wir verschieben das Problem, wir etikettieren es als fremd, wir bleiben sauber. Doch währenddessen verlieren wir Zeit. Wachstum bleibt aus. Im Persönlichen wie im Politischen ist das fatal. Wer immer nur „Das ist aber dein Thema.“ sagt, trennt sich von der Möglichkeit, selbst zu wachsen. Wer im System immer nur sagt: „Die anderen müssen anfangen“, verhindert, dass Neues entsteht. Das Muster ist identisch: Verschiebung statt Konfrontation, Distanz statt Verantwortung.
Das Coaching fragt hier: Wo weichst du aus? Was schiebst du ab, was eigentlich dir gehört? Und die Energiewirtschaft müsste dieselbe Frage stellen: Wer wartet hier, dass andere beginnen – und was kostet uns das?
Es geht um das Ertragen von Unvollkommenheit. Wende und Wachstum braucht keinen perfekten Start. Im Gegenteil: es braucht das Aushalten, dass etwas gleichzeitig unfertig, chaotisch und notwendig ist. Dass Infrastruktur und Nachfrage zugleich wachsen müssen, dass Klarheit und Konflikt zugleich da sein dürfen. Wer immer wartet, bis die andere Seite sich "sein Thema" anschaut, wird nie beginnen. Displacement schützt vor Schmerz. Aber es schützt uns auch vor Nähe, vor Mut, vor Veränderung. Und so blockieren wir uns selbst. Die Frage ist, ob wir das wollen. Ob wir lieber im Kreis gehen, sauber, abgegrenzt, reflektiert klingend – oder ob wir die Verantwortung in die Hand nehmen, auch wenn sie uns unbequem ist.
Das Henne-Ei-Problem ist viel mehr als eine Metapher in der Energiewirtschaft. Es ist das Muster unserer Zeit: alle schieben, niemand beginnt. Aber wer immer nur verschiebt, verschiebt auch sein Leben. Vielleicht beginnt Wachstum nicht damit, dass wir den perfekten Auslöser finden, sondern damit, dass jemand sagt:"Let´s find the elephant! Es ist auch mein Thema. Ich fange an und lege das Ei!"
Was würde eigentlich aus einer Elefanten-Hühner-Kreuzung herauskommen?




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