Komasurfen - Die Welle der Unnahbarkeit

Aktualisiert: 12. Juli

Neulich eskalierte es. Wie so oft. Mein Leben als extrovertierter hochsensibler Mensch verläuft nicht „wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt“ (Paulo Coelho). Oder genau doch? Ist in der Stille die Unbedeutsamkeit des Menschen in diesem riesigen Kosmos gemeint und mit durchströmen das Gefühl, das ein Strom eben vermittelt? Und doch. Auch in der Stille durchströmt mich etwas. Meine Seele, Mein Geist, Liebe. Da bin ich da. Da bin ich mir nah. Der Strom des Lebens überfährt mich allerdings auch oft und dann bin ich mir weniger nah. Meine Freunde suchen mich dann in solchen Momenten. Weniger ich mich selbst. Nicht körperlich, sondern tatsächlich sprechen sie mit mir, aber „sehen“ und fühlen mich nicht. Ich bin dann unnahbar - weg. Ich habe dann zuviel gewirbelt, ströme durch die Gegend, bin rastlos, ruhelos, habe Herzrasen, jiepere nach Luft, bin wuterfüllt und aggressiv und schlage um mich. Ich bin mir selbst nicht nahe.


Bin ich es wirklich nicht?



Das Leben verläuft in Wellen. Nehmen wir mal den Fluss, den Paolo meint, raus. Wenn sich nämlich einmal eine so hohe Welle vor mir aufgetürmt hat, dass sie mich zu überwältigen scheint, lasse ich sie einfach nur noch über mich rollen, so scheint es. Denn ich weiß mittlerweile wenigstens, dass nicht die Welle das Problem ist, sondern meine Angst vor ihr. Je größer die Angst, desto größer die Eskalation. Ginge ich mit Liebe, Neugierde und Vertrauen ganz nah ran und richtete meine Aufmerksamkeit genau darauf, was passiert und wo ich stehe, wo ich bin, bliebe ich mir nah und könnte meinen Blick, sogar als Zuschauer, in Liebe, Vertrauen und Neugierde auf das, was passiert, richten. Allerdings sehe ich eben diese Welle im Strudel meines Ozeans oftmals nicht und es sehen nur die anderen, die mir dann sehr nahe sind. Nähe entsteht durch Verbindung. Eine Verbindung zu dir erhältst du durch vielerlei Dinge. Ich bekomme Nähe zu mir nicht nur in der Ruhe und Stille, daher kann ich die Nacht nicht „still durchströmen“. Um mir nah und bewusst zu sein, brauche die Verbindung mit anderen Menschen. Ich bin mir nah, wenn ich mich richtig nähre. Mit Informationen, Kultur, Genuss, Freunden, Erlebnissen, Reisen, gutem Essen und einem Haufen Selbstironie und -liebe und so vieles vieles mehr. Ein Lebenshunger mit Neugierde, Freude und Liebe. Bin ich mir nicht nah, nähre ich mich mit ungünstigen Dingen und bin unachtsam mit mir, bin „weg“.


Wo bin ich dann? Eine Art Koma? Von allem zuviel? Ein Bingen? Ich lebte vor fast 20 Jahren ein Jahr in England und erlebte Binge Drinking auf ganz abstruse Weise. Glücklicherweise war ich wesentlich älter als alle anderen Studenten dort und hatte durch meine frühe Ausbildung am Glas ein wenig Geschmack entwickelt, dass es mir nicht einfiel, aus einem stinkenden Cricket Schuh ein Gemisch aus Rum, Wodka, Gin und billigem Maracujasaft zu trinken, bis ich kotzend am Bordstein liege. Aber das gibt es, auch. Aber was ist schon das Koma und welches ist meines, und welches deines? Womit nährst du dich? Was ist dir nahe? Was ist für dich Ernährung. Geht es eben nicht nur um Speisen und Getränke? F&B, wie ich in Hotelsprache sage? Oder ist Ernährung genau ein Konglomerat aus Gefühlen, Geist und Seele und deinem rein medizinischen Körper in seiner Umgebung und deinem Bewusstsein dafür. Eine Welle von Selbst-Nähe, Selbstliebe und von Nährung, deiner Ernährung. Womit nährst du dich, ernährst du dich? Womit gibst du dir deine Liebe, wo holst du sie dir und wo gibst du sie?


Mit wem teilst du dein Laib Brot und vom wem lässt du deinen Teller berauben? Wo geschieht Mundraub? Wo stopfst du und wo bist du unnahbar? Nicht nur im F&B haben wir alle Möglichkeiten, die Wahl. Es ist am Ende in jedem Moment eine Entscheidung, ob du deine Gefühle wahrnehmen möchtest, oder sie wegdrückst. Hältst du alle Gefühle aus? Hältst du deine Ängste aus? Hältst du Scham und Schuld, ein "Nein, danke!" aus? Oder drückst du weg, nutzt ein Ventil, kippst in dich herein, füllst die Leere der Unnahbarkeit?


Die Leere der Unnahbarkeit.


Du siehst, es geht mir nicht ums reine F&B, sondern um deine ganze Form. Wie du dich formst, entfaltest, das gestaltest und entscheidest du. In jedem Moment. Du hast die Wahl, ob du ins Ausland gehst, dich umschulst, ein halbes Schwein auf Toast essen möchtest, oder den Korn auf Brause zu dir nimmst. Was davon ist dir (noch) nah? Und was genau davon darf in dich tief hinein. Dich, wie ein Fluss, still durch die Nacht durchströmen.


Glaube, Liebe, Hoffnung!

Deine B.



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